Unternehmensbewertung: Welche Methode passt zu welcher Situation?
Ertragswert, Multiplikatorverfahren oder Substanzwert — wann welche Methode sinnvoll ist und worauf Käufer wirklich schauen.
Eine GmbH lässt sich auf mehrere Arten bewerten. Welche Methode passt, hängt von Branche, Substanz und Ertragslage ab. Käufer kombinieren in der Praxis meist mehrere Verfahren und prüfen die Plausibilität untereinander. Wer die Methoden kennt, kann Bewertungen kritisch hinterfragen – und im Gespräch auf Augenhöhe verhandeln.
Ertragswertverfahren – der Klassiker
Klassiker bei stabilen, etablierten Unternehmen: Künftige Erträge werden geschätzt und auf den Bewertungsstichtag abgezinst. Maßgeblich ist eine nachvollziehbare Planung über drei bis fünf Jahre plus ein nachhaltiger Endwert. Der Kapitalisierungszinssatz liegt im Mittelstand typischerweise bei 8–14 %, je nach Risiko und Branche.
Multiplikatorverfahren – praxisnah und schnell
Praxisnah und schnell: EBITDA oder Umsatz werden mit branchenüblichen Faktoren multipliziert. Verbreitet im Mittelstand und bei M&A-Transaktionen. Typische Multiplikatoren:
- Handel: EBITDA × 4–6, Umsatz × 0,3–0,8
- Dienstleistung: EBITDA × 4–7, Umsatz × 0,5–1,2
- Industrie: EBITDA × 5–8
- IT/Software: EBITDA × 6–12, Umsatz × 1,0–3,0
Substanzwertverfahren
Hier zählt das Reinvermögen – aktive Assets minus Schulden. Sinnvoll bei vermögensstarken oder operativ schwachen Gesellschaften, etwa Immobilien-GmbHs oder Holdings. Beim reinen Substanzwert werden stille Reserven (z. B. abgeschriebene Maschinen mit Marktwert) aufgedeckt.
DCF-Verfahren (Discounted Cash Flow)
Detaillierter als Ertragswert, mit expliziter Cashflow-Planung und Berücksichtigung von Working Capital, Capex und Steuerschilden. Im professionellen M&A-Umfeld Standard – im klassischen Mittelstand selten in Reinform, aber häufig als Plausibilitätsprüfung.
Liquidationswert als untere Schranke
Der Liquidationswert zeigt, was bei sofortiger Auflösung übrig bliebe. Er ist die absolute Untergrenze jeder Bewertung – sinkt der ermittelte Wert darunter, würde rationales Handeln in Richtung Liquidation deuten.
Welche Methode wann?
- Etabliertes Mittelstandsunternehmen mit stabilem EBIT: Ertragswert + Multiplikator
- Asset-lastiges Unternehmen (Immobilien, Maschinenpark): Substanzwert + Ertragswert
- Wachstumsunternehmen: DCF mit klarer Wachstumsplanung
- Mantel-GmbH: Substanzwert (Stammkapital, Bonitätswert)
- Verlustbringer: Liquidationswert + Verlustvortragswert
Worauf Käufer wirklich schauen
Jenseits der reinen Methode prüfen Käufer: Wiederkehrende Erträge, Kundenkonzentration (Klumpenrisiko), Inhaberabhängigkeit, Qualität der Buchhaltung, Branchendynamik, Wettbewerbsposition, Sicherheiten und Verbindlichkeiten. Diese Faktoren beeinflussen den finalen Preis oft stärker als die rechnerische Methode.
Earn-Out – wenn man sich beim Preis nicht einig wird
Wenn Käufer und Verkäufer beim Preis 10–20 % auseinander liegen, ist ein Earn-Out (variable Kaufpreiskomponente, abhängig von der Geschäftsentwicklung in 1–3 Jahren nach Closing) die übliche Brücke. Voraussetzung: klare, manipulationssichere KPIs und faire Vertragsgestaltung.
Fazit
Eine Bewertung ist immer eine Bandbreite, keine Punktzahl. Wer mehrere Methoden parallel rechnet, erkennt schnell, was realistisch ist – und kann fundiert verhandeln. Der finale Preis entsteht zwischen rechnerischem Modell und menschlicher Überzeugungskraft.
